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Dresdner Semperoper

Tagebuch für die Dresdner Semperoper

Aufzeichnungen über den Wiederaufbau der Dresdner Semperoper 1980 - 1985


Von 1980 bis 1983 arbeitete ich als Restauratorin beim Wiederaufbau der Dresdner Semperoper mit, malte mehrere Kappensegmente, zwei Proszeniumslogen wie auch zwei Kandelaber an der Decke des Zuschauerraumes. In meinen Aufzeichnungen berichte ich über gemeinsames Arbeiten und gemeinsames Feiern von Künstlern und Handwerkern der verschiedensten Berufe. Man erfährt, wie die Marmorsäulen entstehen, welche Schwierigkeiten das Malen von Deckengewölben bereitete und erlebt schließlich die Voraufführung der Oper DER ROSENKAVALIER für die Erbauer der Semperoper mit.

1989 beim Verlag TRIBÜNE in Kurzform veröffentlicht (Auflagenhöhe 8000), zweite Auflage seitens des Verlages genehmigt, konnte aber nicht mehr realisiert werden wegen Auflösung des Verlages. In überarbeiteter und erweiterter Form wird das TAGEBUCH FÜR DIE DRESDNER SEMPEROPER 2007 im THELEM-VERLAG DRESDEN mit zahlreichen Foto- und Bilddokumenten erscheinen. Meine Original-Illustrationen in der Technik Schabkarton gingen leider bei der Auflösung des Verlages durch die Treuhand verloren.

Leseprobe


LICHTWELTEN EINES LEBENS

Das Licht in den unzähligen goldenen Leuchtern erlosch. Der Zuschauerraum sank in dämmrige Stille. Als sich der rote Samtvorhang hob, wuchs aus dem Dämmer ein Erinnern. Wann saß ich hier? Gab mich staunend jenem Schweben zwischen Wirklichkeit und Traum? Großmama stand auf einmal vor mir und hielt mir ein Glas Saft an den Mund. Doch ich konnte nicht trinken. Sirenen heulten auf. Im still glänzenden Foyer erloschen die Lichter. Wir hasteten in einen Keller, standen dann, eng aneinander gepresst, und Großmama schaute zu den Wasserrohren auf, die sich über unseren Köpfen spannten, murmelte: „Wir gehen nie wieder in die Oper!“

Kindheit inmitten von Ruinen der einst weltberühmten Stadt. Ruinen, waren sie nicht Verheißung auf Leben? Welt ohne Angst? Liebte ich sie? Sonneninseln malte ich zwischen düster ragende Fassaden, ließ Birken glänzen im Meer aus Stein, schmolz einsam trauernde Wände einer Sommernacht zum sanftdunklen Ruinenmassiv, legte Mondlichtpfade in meine still gewordene Stadt.
Teil dieser Ruinenlandschaft: die Semperoper. Schwarz gähnten Fensterhöhlen, Möwen und Tauben flatterten aus und ein. Man munkelte, die Oper werde wieder aufgebaut. Andere lachten darüber. Es fehlte an Wohnraum, Kleidung, Essen. Wer sollte da an die Oper denken?
Man dachte an sie, stritt für sie und stritt gegen sie. Ich wusste es nicht, saß - zu Beginn der fünfziger Jahre - am Kellerfenster der Kunstakademie und zeichnete die Ruine der Frauenkirche. Hinter der Ruine breitete sich die Landschaft eben. Die huflattichgelben Trümmerberge hatten wir abgetragen. Hell wuchsen die Häuser des Altmarktes hoch. Die Semperoper sah ich dann und wann. Die Fensterhöhlen waren jetzt zugemauert. Ich hörte, man hätte die Oper gesichert, wüsste jedoch nicht, sollte man sie abreißen oder rekonstruieren und restaurieren. Einige meinten, man könnte die zerstörten Städte doch nutzen zum radikalen Neuaufbau.

Jahrzehnte später - zu Beginn der achtziger Jahre - lag die Oper dann hinter einem Bretterzaun in der Sonne, umsponnen von Stahlgerüsten, und auf den Gerüsten sich bewegendes Weiß; - Stuckateure und Steinmetzen. Ob auch ich bei der Restaurierung der Semperoper Dresden mitarbeiten wollte, fragte man mich. Und so betrat ich im September 1980 zum zweiten Male die Semperoper.


DER ERSTE TAG AN DER OPER
September 1980

Wände bemalen - nie im Leben hatte ich Wände bemalt. Neugier war da und Angst. Von heute an würde ich jeden Morgen am Bretterzaun entlanggehen bis zu einem schmalen Tor, würde hindurchgehen und den Schutzhelm aufsetzen. Nun gehörte ich dazu. Niemand fragte, wer ich war, was ich hier wollte. Ich ging über den Bauplatz hinein in die Oper, stieg über mörtelbekleckste Stufen drei Stockwerke hoch, tastete mich über eine kleine Holzbrücke. Dunkel war es in den Gängen, ringsum unverputzte Wände. Da sah ich die Scheinwerfer der Stuckateure. Leicht geblendet vom Licht, stieg ich die lange Sprossenleiter hinauf in die Etage der Maler. Dort nahm ich den Schutzhelm vom Kopf und sagte zu Mara, die über sich das Gewölbe bemalte: „Grüß dich!“
Mara stieg von der Fußbank, Malstock und Farbnäpfchen in der einen, Pinsel in der anderen Hand, stieg vom ersten Podest, vom zweiten, stand vor mir. „Komm!“ sagte sie. Wir liefen über die Bretteretage. Die Bretter vibrierten bei jedem Schritt, waren nur lose über die Stahlrohre gelegt. Durch die Lücken sah ich die Stuckateure unter uns. Mara ging mit mir zu den Kappensegmenten, die ich bemalen sollte. Sich überschneidende Gewölbe, von Scheinwerfern aus dem Dämmer gerissen, teils fertig bemalt, teils eben begonnen. Im filigranen Linienornament von Ockertönen ein Blau, - da sah das Ocker wie Gold aus.
Mara brachte Farben in kleinen Gläsern, reichte mir einen Malstock und zerrte einen Scheinwerfer heran. „Mit den Ockertönen beginnst du!“ sagte sie. Dann verstand ich nichts mehr. Ein Pressluftbohrer ließ alles erzittern. „Hehe!“ schrie es von unten, und jemand drehte das Radio so laut, dass es den Bohrer fast übertönte. „Wirst du zurechtkommen?“ schrie Mara.
„Ich versuch's!“ schrie ich zurück und begab mich mit Pinsel und Farbnapf aufs Podest. Halt, da fehlte ja etwas! Der Malstock! Merkwürdiges Gebilde! Hatte nie mit Malstock gemalt! Was sollte es, hinabsteigen vom Podest, ihn holen! Ohne Zweifel, dieser Malstock störte mich, aber ich brauchte ihn wiederum zum Auflegen der malenden Hand! Ach, und wie zittrig wurden meine Linien trotzdem noch! Meine ganze Angst war in ihnen! Nur gut, dass ich mit einer anderen Farbe gegenmalen und so die Unebenheiten der Linien korrigieren konnte! Ein winziges Stückchen Semperoper ist dir anvertraut, dachte ich. Da zitterte die Hand noch mehr.


BAUPLATZ SEMPEROPER
September 1980

Die Baustelle hatte etwas Besonderes, fand ich. Betrat ich sie, lagen links die Bauhütten der Bildhauer, Steinmetzen und Maler. Rechts stand der hohe Kran. Vor der Oper arbeiteten Zimmerleute in ihren schwarzen Manchesteranzügen. Alles geschah verhalten und maßvoll, so, als wollte man eine Schlafende wecken, ohne sie zu erschrecken. Die Oper hielt viele - ich wusste es von Mara -, die im Wohnungsbau besser verdienen könnten, Stuckateure, Maler. Aber irgend etwas weckte die alte Oper in den Menschen, die sie wecken wollten, was mehr ist als Geld.
Wieder auf meiner Bretteretage, fühlte ich mich benommen wie am ersten Tag. Die Sonne, die von unten her die Gewölbe erleuchtete! Der Bretterboden, an jeder Stelle ein Stilleben! Und durch das Rundbogenfenster blickte ich auf die sich dem Fensterbogen unterordnenden Bögen der Elbbrücke, sah Straßenbahnen und winzige Menschen im Gegenlicht.

Bis zum Mittag malte ich an den Schattierungen der Blumen, konnte sie aber nicht nass in nass verlaufend malen, wie ich es bei meinen Bilderbüchern getan hatte, sondern durch Auftragen dunkler Farbtupfen auf helle Flächen. Da musste die Farbe im Pinsel fast trocken sein. Doch immer wieder befand sich im Pinsel zuviel Nässe, und aus dem beabsichtigten zarten Farbtupfer wurde ein hässlich dunkler Fleck. Danach begann ich, die vier Faune in den Ecken meines Kappensegmentes zu anzulegen. Drei hatte ich bis zur Hälfte fertig gemalt, dann brachte ich einen zu Ende und setzte sogar die Glanzlichter auf. Nun grinste er mich an, mein Faun! Ich lächelte ihm zu und spürte mit einem Male etwas Schönes: Aus der bedrohlichen Unbekanntheit der zu malenden Objekte waren überschaubare und lösbare Arbeitsschritte geworden! Was für ein Gefühl! Ich mischte Farben, leimte sie, und meine persönliche Arbeit als Graphikerin erschien mir auf einmal weniger wichtig als diese nachvollziehende Arbeit an der Semperoper. Ich wusste, dieses Gefühl würde nicht bleiben. Ich würde auch nicht wollen, dass es bliebe. Doch sicher musste man es einmal empfunden haben, um hier zu Hause zu sein.


ABNAHME DER KAPPENSEGMENTE
Oktober 1980

Heute waren alle Künstler schon vor neun Uhr auf der Baustelle. Sie wischten mit Knetgummi Flecke vom Weiß der Gewölbe, traten zurück, schauten blinzelnd auf das Gemalte. Hockten sich hin, schauten von unten. Eine Uhr schlug um neun. Alle standen verlegen herum und sprachen wenig. Es war Abnahme, Großabnahme der Kappensegmente. „Sie kommen!“ schrie jemand. Helm um Helm tauchte über die Leiter hoch. Die Männer der Abnahmekommission. Der für die Abnahme verantwortliche Architekt schieb alle Einwände in ein Protokoll. Dann sagte der künstlerische Leiter zum Architekten: „Abgenommen! Schreiben Sie es auf!“
Die Uhr schlug zehn, als die Abnahmekommission zur Sprossenleiter schritt und ein gelber Helm nach dem anderen nach unten verschwand. Wir wussten, während die Leiter noch knarrte und wackelte, warteten unten schon Herr Arnold mit prall gefülltem Beutel und Mara mit einem Kochtopf. Alles ging nun sehr schnell: Podeste wurden zusammengerückt, Fußbänke geholt, Papier oder Lumpen darüber gebreitet. Rotweinflaschen entkorkt, man füllte den Topf mit Rotwein und trug ihn zum Kocher. Zwischen Maras Farbgläsern suchte ich nach Nelken; irgendwann war die Tüte zerrissen. Ich pustete die Nelken ab und warf sie in den Wein. Geruch von Punsch durchzog die Bretteretage.
„Worauf wollen wir trinken?“ fragte jemand.
„Darauf, Leute, dass die Oper noch lange nicht fertig wird!“ rief einer. „So gemütlich wie jetzt wird’s nie wieder in der Oper!“


DER ROSENKAVALIER
Januar 1985

Dennoch, im Winter des Jahres 1985 war es so weit: Frauen in langen Kleidern, Männer in dunklen Anzügen, alte Damen in Pelzcapes warteten unter den Kandelabern auf dem Theaterplatz. Und als die Türen der Semperoper geöffnet wurden, gingen die Menschen ganz selbstverständlich hinein. Der ROSENKAVALIER wurde gespielt, und im Programmheft stand: „Voraufführung für die Erbauer der Semperoper. Sonnabend, den 26. Januar, 17 Uhr“.
Auch die Türen zum Zuschauerraum waren nun offen. Er strahlte in Dunkelrot und Gold, nicht fassbar in seinem stillen Glanz. Die Menschen standen mit dem Rücken zur Bühne und staunten hoch zu den Rängen und zur Decke.
Dann sank alles um uns in dämmrige Stille. Und als sich der rote Samtvorhang hob, wuchs aus dem Dämmer mein Erinnern an Sirenen, erlöschende Lichter, Nachtdunkel - die Lichtwelt meiner Kindheit; Möwen, Tauben, Schwärme flatternden Lichtes vor rußgeschwärztem Gemäuer - die Lichtwelt meiner Jugend. Foyers und Kappensegmente, von Scheinwerfern aus dem Dunkel gerissen - noch gegenwärtige Lichtwelt für mich. Und dem Erinnern folgte Verwunderung, wie ineinander gebunden sich Vergangenheit und Gegenwart erweisen, wie verbunden auch einzelnes Leben mit dem Leben einer Stadt.


Presse


MUSIK-EULE
Wenn ich sagen sollte, welches in den vergangenen vier Jahrzehnten meine schönsten Erlebnisse waren, dann würde ich zwei nennen – die Wiedereröffnung des Leipziger Gewandhauses und die der Dresdner Semper-Oper. Das erste Konzert, die erste Vorstellung in diesen Häusern erweckten in mir den Eindruck, als ob ein zerrissener Faden geknüpft und wieder aufgenommen sei. Ich empfand die Beschwörung einer alten klassischen Zeit und zugleich etwas Neues, aber ich gebe auch zu, dass ich eigentlich beide Häuser immer als akustische Hüllen betrachtet habe. Als ich aber diesen Sommer in Wernigerode war und die Buchhandlung von Rainer Schulze aufsuchte, drückte der mir, sozusagen als Geheimtip, ein kleines Büchlein aus dem Tribüne-Verlag in die Hand, das mich lehrte, die Semperoper auch wirklich zu „sehen“. Ich spreche von Aini Teufels TAGEBUCH FÜR EINE OPER. Aini Teufel ist eine Grafikerin, sie war eine von jenen, die Foyer und Zuschauerraum der Oper mit ausgemalt haben, und in ihren Aufzeichnungen von 1980 bis 1985 beschreibt sie ihre Arbeit. Eigentlich beschreibt sie einen großen Gewissenswiderstreit, denn sie und ihre Kollegen betrachteten sich als Individualisten, deren Lebensaufgabe in der Schaffung unverwechselbarer Kunstwerke besteht. Nun aber mussten sie nach Vorlagen arbeiten, und jeder, auch der geringste Subjektivismus war unerwünscht und ein Kunstfehler. So waren die Künstler von ihrer Arbeit begeistert, und sie ging ihnen gegen den Strich. Seltsam, sowie ihnen geht es den Orchestermusikern, den Sängern, den Choristen: Sie bedürfen auch ihrer Meinungen, ihrer Ansichten über den Sinn und Unsinn eines Werkes. Aber zugleich bedürfen die Musiker der festen Überzeugung vom Sinn der Kunst, der Hingabe an ein Werk, das ihrer individuellen Fähigkeiten zwar bedarf, sie aber auch weit übersteigt. Das ist ein Teufelswerk der Musik, und obwohl Aini Teufel in ihrem Büchlein kaum eine halbe Seite auf die Musik verschwendet, hat sie sie sehr gut beschrieben.
EULENSPIEGEL (Nr. 44) – 1989
Beitrag von Erika Roßner