BannerLink zu Literatur


Impressum
Sie sind hier:
Apollo-Theater

Die Kinder vom Apollo-Theater

Kindertagebuch über die ersten Nachkriegsjahre in Dresden

• Leseprobe •

Leseprobe


ETWAS WIE EIN VORWORT

Talkshow - 1. November 1990

Ein sich endlos breitendes Meer von Trümmern, so bot sich drei Jahre nach Kriegsende nicht nur unser einst schönes und berühmtes Dresden, so boten sich 1948 noch viele, viele Städte der Welt. Uns als den Kriegskindern Dresdens waren die Ruinenlandschaften vertraute Heimat, ganz selbstverständlich lebten, lernten, lachten und spielten wir in ihnen. Wir liebten sie ein bisschen, bedeuteten sie doch für uns Welt ohne Angst vor Sirenengeheul und Luftangriffen. Doch zuweilen gruselte uns vor ihnen, wenn wir aus Theatervorstellungen kamen und rings um uns die schwarzen Fassadenwände gespenstisch aufragten zum dunklen Nachthimmel. Ja, schon seit Juni 1945, einem Monat nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wurde in Dresden wieder Theater gespielt, zuerst im „Interimstheater Dresdner Bühnen“, der Tonhalle und dem Kurhaus Bühlau, ab September 1948 dann im Großen Haus der „Staatstheater Dresden“. Außerdem hatte man die „Deutsche Volksbühne Dresden“ gegründet mit ihren Spielstätten „Constantia“ in Dresden-Cotta und dem „Apollo-Theater“ in Dresden Leuben.

Tagebücher in Kinderschönschrift aus den Jahren 1948 bis 1952 - Erstaunen bei mir, als ich gestern Abend darin las. Kleine Begegnungen, eigentlich belanglose Geschehen – Kostbarkeiten für mich, die ich in Worten zu bewahren versuchte. Nach der Dunkelheit und Kälte des Krieges schenkten sie Wärme und bisher ungekannte Freude, öffnete sich mit ihnen eine faszinierende Lichtwelt - die Lichtwelt des Theaters. Als wir uns kennen lernten, er und ich, war er ein junger Mann, dem Frauen wie Männer zujubelten, wenn er auf der Bühne sang oder tanzte. Ich war ein Schulmädchen. Doch er nahm meine Begeisterung für ihn und das Theater ernst. Er schenkte meiner Freundin und mir – seinen Kindern, wie er uns vor anderen nannte - Karten für Aufführungen, in denen er spielte und fragte danach, wie er gewesen sei, ob man „es“ gesehen hätte. Im Krieg hatte er ein Bein verloren und tanzte mit Prothese. Er ließ uns während seiner Abwesenheit in sein Zimmer, und wir durften in seinen Fotoalben blättern, stundenlang. Holten wir ihn von der Straßenbahn ab, nahm er uns beide an der Hand, und so liefen wir plaudernd zum Bühneneingang. Und auch viele der anderen Schauspielerinnen und Schauspieler, Sängerinnen und Sänger bis hin zum Intendanten schenkten uns „Kindern des Apollo-Theaters“ dann und wann ein Lächeln, ein paar Worte, ein Winken. Er sprach mit mir darüber, was ich später einmal werden könnte, sprach auch zu uns, wenn er sich nicht gut fühlte. Er erlaubte uns Kindern, einzutreten in seine Welt und sein Leben über Jahre zu begleiten, und so begleitete auch er unser Leben und weitete unsere kleine Welt! Wie wäre mein Leben verlaufen ohne ihn?

Über vierzig Jahre sind vergangen seitdem. Heute Abend soll er zum Ehrenmitglied der Staatsoperette Dresden ernannt werden. Es wird im Theater eine Talkshow mit Gustl Promper als „Hauptdarsteller in Leubens Operettengeschichte“ geben, wie man in der Zeitung schrieb. Ich überlege, was ich als Geschenk für ihn mitnehmen könnte. Dabei ist unklar, ob es überhaupt möglich sein wird, dass wir miteinander sprechen. Ich entscheide mich dann für mein Tagebuch über den Wiederaufbau der Dresdner Semperoper, das im vorigen Jahr in einem Berliner Verlag herauskam - ich hatte über drei Jahre bei der Restaurierung der Oper mitgemalt. Ich müsste ihm eine Widmung hineinschreiben. Aber was? Einen Dank für freundliche Begegnungen? Nicht ohne Einfluss auf mein weiteres Leben? So etwas vielleicht? Wird er sich erinnern an das rotblonde Schulkind, das Bilder für ihn malte und Gedichte schrieb? Ein Bild von mir hing in seinem Zimmer, damals, Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre. Jetzt leben wir zu Beginn der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

Das Operettentheater in strahlendem Licht, als ich ankomme. Die Theatergaststätte jedoch, in die Intendantin Elke Schneider zur Talkshow einlud, erscheint von außen dunkel. Ich öffne die Tür und staune. Ich, die ich nicht zu zeitig hier sein wollte, sehe nun: alle Stühle rund um eine kleine Bühne sind schon besetzt! So schiebe ich mich auf einen Barhocker.
Kerzen auf den Tischen. Hinter mir, auch um einen Bar-Tisch, ein älteres Paar mit Tochter - neben der fülligen Frau ein Riesenblumenstrauß. Vor mir, auch um einen Bar-Tisch, Männer mit Glatzen. Ein älterer Herr, elegant gekleidet, stellt sich zu ihnen. Er kommt mir bekannt vor; - hinter diesem Gesicht gibt es eines, das ich kenne! Der elegante Herr zieht aus seiner Jackettasche Fotos und Zeitungsausschnitte und zeigt sie den anderen. Die Männer bewundern sie. Aber auch sie haben Fotos und Zeitungsausschnitte von damals. Die bewundert der Elegante!
„Ja, das waren noch Zeiten!“ seufzt er. „Neunundfünfzig bin ich jetzt, damals war ich ein junger Spunt!“
Ich versuche nun, im kerzenbeleuchteten Saal die Personen zu erkennen, die eben die Bühne betreten haben und sich setzen. Ich suche ihn - sehe einen Weißhaarigen – Locken wie eine Perücke! Er lacht dem Publikum zu. Er ist es! Mir klopft das Herz! Ich - mit zwei Töchtern und drei Enkeln - bin auf einmal wieder vierzehn Jahre! Der Kellner steht vor mir. Ich bestelle Kaffee, dabei brauchte ich einen Cognac!


Aini Jutta Schäfer

TAGEBUCH 1948

Ein Abend im Apollo-Theater und seine Folgen - Sonntag, 1. Februar 1948

Wir haben jetzt in Leuben ein schönes Theater, das Apollo-Theater, mit 800 Sitzplätzen und einer breiten und tiefen Bühne. Das Apollo-Theater gehört zur Deutschen Volksbühne Dresden. Mutti-Elisabeth hat sich und mich als Mitglieder der Volkbühne angemeldet: So bekommen wir regelmäßig Theaterkarten und konnten schon viele Theaterstücke sehen: das russische Stück „Erholungsheim Butterpilz“, die Komödie „Der G’wissenswurm“ von Ludwig Anzengruber, und „Die Lustige Witwe“, eine Operette von Franz Lehar.
Am 1. Februar war ich mit Mutti abends in dem Lustspiel „Warum lügst du, Cherie?“ Beim Durchlesen des Programms machte mich ein Name stutzig. Da stand nämlich: Tommy - Gustl Promper. Ich fand es höchst albern, dass ein Mann „Gustl“ hieß und dachte, das wird schon ein richtiger „Gustl“ sein! Und es war ein richtiger „Gustl“ mit viel, viel Temperament! Und um es kurz zu machen, er hatte mir gleich von Anfang an gut gefallen.
Am 4. Februar war meine Freundin Christa im Lustspiel „Cherie“, und sie erzählte mir, dass auch ihr besonders der Gustl Promper gefallen hätte und sie ihm am liebsten einmal einen Blumenstrauß schicken würde. Ich war gleich begeistert von der Idee, ihm etwas zu schenken, dachte allerdings weniger an einen Blumenstrauß, sondern mehr an einen Brief oder besser ein Brief-Gedicht, in dem wir ihm zum Geburtstag gratulierten.
Dazu schrieben wir noch einen Brief, in dem wir uns entschuldigten, dass wir ihn im Brief-Gedicht immer mit „Du“ angeredet hatten. Es muss hier gesagt werden, dass Gustl Promper keineswegs Geburtstag hatte, sondern dass das nur ein Vorwand war, damit wir ihm überhaupt etwas schreiben konnten.
Erst hatten wir die Absicht, den Brief ohne Unterschrift abzuschicken. Mutti sagte aber, dass sich das nicht gehöre. Wenn man etwas geschrieben habe, müsse man auch den Mut haben, seinen Namen darunter zu setzen! So haben wir denn noch eine Nachschrift zum Brief gemacht und unsere beiden Namen darunter geschrieben und meine Adresse.
So, den Brief hatten wir fertig. Nun war noch die Frage zu klären: auf welche Weise könnten wir den Brief in Gustl Prompers Hände bringen? Ich fragte unseren Untermieter, Herrn Eberlein, ob er nicht wüsste, wo Gustl Promper wohne. Er dachte, die Adresse durch einen Kriegskameraden zu erfahren. Dieser Mann wusste sie zwar, durfte sie aber nicht sagen. Christa und ich beschlossen, zusammen zum Theater gehen und den Brief dort abgeben.


DER UNWISSENDE BRIEF-ÜBERMITTLER - Dienstag, 17. Februar 1948

Christa war plötzlich krank geworden, und so ging ich am Dienstag, dem 17. Februar, im Anschluss an meine Klavierstunde allein mit dem Brief zum Apollo-Theater. Ich fragte einen Mann mit der gelben Armbinde des Theaterdienstes, wo ich den Brief an „Herrn Promper“ abgeben könnte. Ich tat dabei so, als wäre ich von jemandem geschickt worden und würde diesen „Herrn Promper“ nicht kennen. Der Mann antwortete, ich solle zum Bühnenpförtner gehen, der riefe ihn dann heraus.
Es war ja eigentlich nicht meine Absicht gewesen, den Brief persönlich abzugeben, doch es kam mir nicht ungelegen, so konnte ich mir doch diesen „Gustl“ ein wenig näher betrachten! Gustl Promper war allerdings noch nicht da, und der Bühnenpförtner sagte, ich solle warten, bis er käme. Ich stand neben der überheizten Heizung, und sobald jemand von draußen hereintrat, erschrak ich. Ganz wohl war mir bei der Sache doch nicht!
Plötzlich stand Gustl Promper vor mir; er war zu einer anderen Tür, als ich dachte, hereingekommen, und er fragte, ob ich ihm nicht etwas geben solle. Ich überreichte ihm den Brief, den er sogleich aufriss und mich fragte, ob ich auf Antwort warten solle. Ich verneinte und nahm schon meine Tasche, um zu gehen, doch da meinte der Gustl, ich solle doch erst einmal warten. Sein Handschuh fiel ihm herunter, ich hob ihn auf. Dann, als er den Brief geöffnet hatte, fiel der Briefumschlag herunter, den ich ebenfalls aufhob und ihm gab. Nun brachte aber der Gustl unseren Brief so durcheinander, dass er mich noch einmal fragte, ob ich auf Antwort warten solle, und danach meinte, er wolle ihn doch lieber in der Garderobe fertig lesen.
Dann gab er mir die Hand, um auf Wiedersehen zu sagen, und fragte, von wem denn der Brief eigentlich sei. Beinahe hätte ich gesagt: Das steht noch drin! Aber als ich nur lächelte und schwieg, nickte er und meinte, er verstehe schon, ich dürfe es nicht verraten. Und nachdem er mich noch einmal freundlich angelacht hatte, verschwand er.
Mir erschien alles wie ein Traum! So schnell und so einfach war es gegangen! Wieder zu Hause, brachte ich kaum Omas Kartoffelstückchen runter. Oma stand neben mir und machte ein besorgtes Gesicht. Sicher dachte sie, ich bin krank, denn Kartoffelstückchen waren mein Lieblingsessen! Aber ich konnte ihr nichts erzählen, niemandem konnte ich erzählen, was da eben geschehen war! Omachen hätte „Kopf gestanden“ darüber, was ich „wieder angestellt“ hatte! Und das ausgerechnet in der Woche, in der sich Mutti auf Dienstreise in Berlin befand!
Nein, es war kein Traum! Ich hatte wirklich Gustl Promper den Brief gegeben! Ich hatte wirklich Gustl Promper gesehen, und sogar ganz nah! Und er hatte gelacht wie ein Junge und mir die Hand gegeben! Ob er gemerkt hat, dass ich den unwissenden Briefvermittler nur gespielt habe? Ob er antworten wird?


SOLL ICH IHN ANREDEN? - Dienstag, 3. April 1948

Am Sonnabend, dem 3. April, wartete ich in Altleuben auf die Straßenbahn. Ich hatte mir die Schuhe angesehen, die bei Frohbergs im Schaufenster ausgestellt waren, herrliche Ledersandalen, die man aber leider nur auf Bezugschein kaufen konnte. Und als ich mich umdrehte, sah ich, wie jemand über die Schienen auf meine Straßenseite lief. Wenn er ein wenig hinken würde, dann könnte es der Gustl Promper sein, dachte ich und schlenderte zum Zeitungsstand, wo die rätselhafte Person stehen geblieben war. Doch mit meiner Ruhe war es bald aus: ohne Zweifel, es war der Gustl!
Mich ärgerte, dass Gustl immer zwischen den wartenden Leuten herumlief. Da konnte ich ihn doch unmöglich ansprechen! Plötzlich merkte ich, dass Gustl mich ziemlich eindringlich ansah. Lange konnte ich diesem Blick nicht standhalten, denn ich musste lachen. Und nachdem sich Gustl aus der Menschenmenge gelöst hatte, wagte ich mich zu ihm hin und fragte, ob er unsere Briefe bekommen hätte. Wir hatten ihm noch einige lustige „Mahnbriefe“ mit der Post ans Theater gesandt, weil er uns noch nicht geschrieben hatte. 
 
Da lachte er und fragte: „Von wem denn?“
Ich sagte es.
Ach ja, meinte er da, das wären doch die mit den hübschen Gedichten! Ja, geschrieben hätte er noch nicht, er hätte jetzt so viele Proben. Aber schreiben würde er immer! Nur wann, das wüsste er nie. Meistens würde er gleich alles auf einmal erledigen.

Unsere Unterhaltung wurde durch das Herannahen der Straßenbahnlinie Nummer 12 unterbrochen, mit der Gustl mitfahren wollte. Ich dachte nicht, dass Gustl mir „Auf Wiedersehen“ sagen würde und hatte noch meine Tasche in der rechten Hand. Gustl nahm kurzentschlossen meine linke Hand und sagte: „Ich schreib’ schon noch!“


BRIEF VON GUSTL PROMPER AN UNS - EIN GLÜCKSTAG Donnerstag, 13. Mai 1948

Poststempel:12.05.1948
Fräulein Aini Schäfer
Dresden - A 45
Heckenweg 16

Liebe Aini + Christa, nachdem ich meine Krankheit + die Arbeit für die Premiere so ungefähr überstanden habe, an Euch einen herzlichen Gruß. Eure Blumen, über die ich mich sehr gefreut habe, sind mir promt abgeliefert worden. Dafür + für die Briefe in Gedichtform meinen Dank. Sobald wir im Apollo die „Perle“ spielen, hoffe ich Euch zu sehen. Bis dahin bleibe ich mit den herzlichsten Grüßen Euer Gustl Promper.


2007 ZWISCHENTEXT Frühling

Nach jedem Winter hatte ich, solange, wie ich mich zurückerinnern kann, das Wunder „Frühling“ sehnlichst erwartet. Da brachen aus dunkler Erde herrlich weiße und gelbe Blumen, da flimmerte es weiß, rosa und gelb um Äste und Zweige, da standen die Magnolien – diese Tulpenbäume - mit ihren schweren Blüten in voller Pracht, da summten die ersten Hummeln und Bienen, und es sangen, zwitscherten und tschilpten Vögel in Bäumen und Sträuchern. Das war in jedem Frühling gleich. Trotzdem hatte jeder Frühling etwas Eigenes, Besonderes.

Den Frühling des Jahres 1945 wünschten sich die Menschen überall in der Welt herbei, denn er würde, so hofften alle, das Ende des furchtbaren Krieges bringen. Oma Lina hatte es sogar geträumt: wenn die Birken grüne Blätter haben, wird Frieden sein! Doch wir lebten nun schon im Monat April, und noch immer tobte der Krieg, obwohl der Führer Deutschlands, Adolf Hitler, den „Heldentod“ gestorben war. Jetzt sollten wir, seine Hitlerjugend – Hitlerjungen, BDM-Mädel und wir kleinen Jungmädchen - dem Beispiel unseres Führers folgen, bis zum letzten Atemzug gegen die Feinde kämpfen und dann, wie er, den Heldentod sterben. Sterben? Ein schrecklicher Gedanke, wenn man gerade erst elf Jahre alt ist! Das waren von Aufregungen und Angst erfüllte Frühlingstage! Wir sollten uns etwas abholen, was eigentlich sonst nur Soldaten bekamen: Panzerfäuste. Mit denen sollten wir Russenpanzer zersprengen und so viele Russen wie möglich töten! Zuhause sagten Christa und ich lieber nichts davon und beschlossen, diese „Dinger“ einfach nicht zu holen. Es war doch zu lächerlich: wir Schulmädchen und Panzerfäuste! Dennoch, am schon sommerwarmen 8. Mai 1945 schaukelten die hellgrünen Blätter der Birken im Wind – Omas Traum war Wirklichkeit geworden!

Im Winter 1946/1947, „Hungerwinter“ genannt, hatten wir bis Ende März Schulferien, weil es keine Kohlen zum Heizen der Schulen gab. Zwar fiel genügend Schnee, und so hätten die schulfreien Tage für uns Kinder viel Spaß bedeuten können, aber wir besaßen alle keine winterfesten Schuhe, mit denen wir uns in den Schnee hinaus wagen konnten. So hockten wir in den Stuben und froren, denn es gab kaum Kohlen oder Holz für unsere Öfen. Der Schulunterricht begann in Dresden erst wieder im April. Dann wurde es aber mit einem Male warm, und die Wunder, die ein jeder Frühling bereit hält, geschahen.
Der Frühling des Jahres 1948 aber wurde ein völlig überraschender für mich! Während die Bäume im Großen Garten noch schwarz in winterlicher Starre standen, entdeckte ich mit einem Male so ein freudiges Licht am Himmel! Nie zuvor hatte ich bemerkt, dass auch der Himmel schon den kommenden Frühling verrät! Jeden Tag beobachtete ich nun, wie das Licht über den Himmel dahinfloss, mit Wolkenfetzchen spielte, sie überstrahlte und irgendwann herabflutete auf die Menschen in der Straßenbahn und sie und unsere ganze graue Ruinenwelt verzauberte. Dieses Licht machte einfach alles gut und schön! Mich erfüllte es so mit Freude, dass ich es still in mir verwahren wollte. Es war wie ein Schweben, ein Tanzen in einer hellen Welt, die nun gewiss kommen würde. Ich mochte dieses Schweben nicht fesseln in Worte, noch nicht.
Es fiel mir nicht schwer, für die Schule eine Beobachtungsaufgabe mit dem Thema „Vorfrühling“ zu schreiben. Es gab genügend Worte, einen Vorfrühlingstag für andere Menschen erstehen zu lassen. Meine himmlische „Entdeckung“ hingegen gehörte – vorläufig - nur mir.


VORFRÜHLING - BEOBACHTUNGSAUFGABE Hausaufsatz, 7. April 1948

Wenn nach kalten Wintertagen die wärmenden Strahlen der Sonne wieder über das Land gleiten, wenn sich die Wiesen allmählich in zartgrüne Matten verwandeln, wenn hier und dort in den Gärten schon Frühlingsblumen blühen, wenn die Bienlein erwachen und die Vögel ihre Stimmchen ausprobieren, dann beginnt die schönste Zeit des Jahres, der Vorfrühling. Oft bringt er uns schon herrliche Tage und Frühlingsstimmung. Nun möchte ich erzählen, was ich an solch einem Tage beobachtet habe.
Frühmorgens lachte die Sonne vom klarblauen Himmel, die Vögel im Gesträuch hüpften aufgeregt von Zweig zu Zweig, es war ein rechter Vorfrühlingstag. Die Krokusseln, Märzenbecher und Hyazinthen blühten, und an schattigen standen die letzten Schneeglöckchen. Die von der Sonne bestrahlten Wiesen und Felder hoben sich hellgrün gegen den Himmel ab, und vereinzelt sah man schon Gänseblümchen. Zwar hatten sie noch dicke kurze Stielchen, und ihre Blattrosette war noch sehr klein, doch sie streckten ihr gelbes Köpfchen mit der wei0en Strahlenkrone nach oben.
Immer, wenn wir an Gebüsch oder Sträuchern vorbeikamen, flatterten ein Schwarm laut zwitschernder Spatzen auf, um sich im nächsten geeigneten Versteck niederzulassen und die unterbrochene Unterhaltung wieder fortzusetzen.
Das an beiden Seiten eines Bächleins wachsende Gras zeigte eine ebenso dunkelgrüne Färbung wie die üppig stehenden Veilchenblätter, zwischen denen schon manch blaues Veilchenköpfchen hervorlugte. Fast gelblich erschienen dagegen die zarten Blätter eines Himmelschlüssels, von dessen Blüte ich jedoch nichts entdecken konnte. Über den Forsythiasträuchern lag ein gelber Schimmer, und einige der goldigen Blüten hatten sich schon aus den Schutzhüllen gelöst. Sogar bei einem Kastanienbaum sahen wir dicke klebrige Knospen, aus denen dann im Frühling die kleinen Blätter herausbrechen. Auch die Birken hatten sich geschält, und ihre weißen Stämme glänzten in der Sonne. An den herabhängenden Zweigen befanden sich Blattknospen, sowie einige Kätzchen. Das am Fuße der Birke wachsende Moos trug ein saftiges Grün, doch wirkte das im Schatten des Baumes gelegene fast schwärzlich.
Und über all diesen Vorboten des Frühlings wölbte sich der tiefblaue Märzhimmel.

Mit Recht nennt man den Vorfrühling die schönste Zeit des Jahres, denn birgt sie nicht das Erwachen der Blumen, der Bäume, Sträucher und Tiere und nicht zuletzt auch die Freude des Menschen in sich, dass das Winterleid nun überwunden ist, dass die Sonne wieder scheint und dass ein Weg gefunden ist, der Weg in den Frühling!

-

Bewertung:
Fein beobachtet und stimmungsvoll geschildert! Zensur: I
9. April 1948


2007 SCHLUSSTEXT Ein Leben, von dem man alles erwartete

Entschlossen, das Ordnen meiner vielen Aufzeichnungen nicht anderen zu überlassen, begann ich zu Jahresbeginn, mein zweites Kindertagebuch, das die Jahre 1948 bis 1953 umfasst, durchzublättern und zu überlegen, was nach soviel gelebter Zeit abschreibenswert wäre. Einem alten Kontorbuch aus dem Kühlhaus Dresden vertraute ich damals meine erlebten Kostbarkeiten an, Kostbarkeiten, von denen ich mir nie hätte träumen lassen, dass es sie überhaupt geben könnte! Und dass sie sich in so klitzekleinen Alltäglichkeiten versteckten wie einem heruntergefallenem Handschuh, dem Duft einer Seife, einem Foto, das ich erhielt, ohne es erbeten zu haben, einem verlegenen Lächeln, in Freikarten natürlich auch, in Worten zuweilen, die uns Kinder nachdenklich stimmten, überhaupt im Wahrnehmen anderer Lebensmodelle, anderer Schwierigkeiten, anderer Probleme.
Überraschend für mich im Jahr 2007: aus den Aufzeichnungen in braver Schulschrift, den beinahe sachlichen Informationen über Geschehenes geriet ich, je mehr ich abschrieb, wieder in jenes besondere Schweben zwischen Wirklichkeit und Traum, das inmitten einer Trümmerwelt das Kind „Aina“ bewog, trotz Stromsperren und froststarrer Hände den Federhalter aus dem Schieferkasten zu nehmen, um beim Flackerlicht einer Kerze in Worten festzuhalten, was auf keinen Fall verloren gehen durfte: menschliche Wärme, die wir einander gaben – er uns, wir ihm – zuletzt nur ich, Christa hatte sich unterdessen einer anderen „Lichtwelt“ zugewandt.
Und dann plötzlich – ein Umblättern – vollkommen vergessen von mir – nach vier Jahren Vertrautheit entzog ich ihm diese Wärme! Dabei war ich keinesfalls wie Christa an einer altersgemäßen „Lichtwelt“ interessiert! Entsetzen darüber, was ich tat! Warum verletzte ich ihn so? Konnte ich nicht mit der Ahnung umgehen, dass zwischen uns eine andere Art Vertrautheit entstehen könnte, eine, die mich ängstigte? Und wieso hatte ich das vergessen?
Merkwürdig - mein Gedächtnis bewahrte nur den Beginn - nach den Schrecken des Krieges den Beginn einer wundervollen Öffnung in ein Leben, von dem man alles erwartete, weil alles plötzlich möglich schien! Und während ich jene Zeit noch einmal leben durfte, war auch er wieder ganz nah in seiner Liebenswürdigkeit, seiner beinahe kindlichen Menschlichkeit, waren alle wieder da: meine Mutter Elisabeth, Oma Lina, meine Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins, meine Freundinnen Christa, Brigitta, Jutta und Rosemarie, mein Bruder Wolfram, meine Schwester Sophia.

Ich meinte, es wäre gut, Gustl Promper dieses Tagebuch gemeinsam erlebter Nachkriegsjahre zu schenken. Seine Adresse fand ich in meinen Aufzeichnungen vom Jahr 1990. Aber galt sie noch? Ich suchte seinen Namen im Internet und fand ihn unter den Ehrenmitgliedern der Staatsoperette Dresden - mir wurde schwindlig vor Erschrecken, als ich es wahrnahm, das winzige Kreuz hinter seinem Namen. Ein Spannungsbogen, über Jahrzehnte reichend, hatte er sein Ende gefunden?
Bleibt das Glück, dass wir uns noch einmal getroffen haben. Und bei dieser Begegnung war ich nicht mehr das von ihm verzauberte „Kind Aina“, ich war eine Frau, die ihn, Gustl Promper, verzaubern konnte! Das erleben zu dürfen, war wie eine letzte große Freude, die er mir schenkte - er war 70 Jahre, ich 57 Jahre alt.


Auf die Rückseite eines Fotos, das er mir zum Abschied schenkte, schrieb er:
Danke! + alles Gute
Gustl Promper
Aini!
 
Fotos aus dem Privatarchiv von Aini Teufel. Urheberin des 3. Fotos ist die Theaterfotografin Jutta Landgraf. Trotz sorgfältiger Bemühungen konnten die Fotografen / Urheber der anderen Fotos nicht ermittelt werden. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Autorin. Hinweise und Ergänzungen betreffs des Fotomaterials werden gern entgegengenommen.